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VERTEILT & VERBUNDEN

Schahram Dustdar war sein Berufsweg schon früh klar. „Von klein auf fühlte ich mich dazu berufen, in die Wissenschaft zu gehen“, sagt der Forscher. Doch Dustdar ist nicht nur an theoretischen Überlegungen interessiert, sondern wollte sich auch schon immer in die praktischen Aspekte der Welt einbringen: Er ist Mitgründer diverser Start-ups, Chefredakteur mehrerer Fachzeitschriften, schrieb Tausende von wissenschaftlichen Artikeln – und leitet die Forschungsabteilung für verteilte Systeme an der TU Wien.

Text: Ekin Deniz Dere Foto: beigestellt

Seine Produktivität führt er auf drei Dinge zurück: die Liebe zu seinem Forschungsthema, seine Neugierde sowie das Bestreben, etwas für die Gesellschaft zu bewirken. „Das Besondere an der Disziplin der verteilten Systeme ist, dass alles, was wir tun, auch eine gesellschaftliche Wirkung hat“, sagt Dustdar.

Nach der Definition von „verteilten Systemen“ gefragt, zitiert der Wissenschaftler einen ­Kollegen, Leslie Lamport: „Ein verteiltes System ist eines, in dem der Ausfall eines Computers, von dessen Existenz man nichts wusste, den eigenen Computer unbrauchbar machen kann.“ Dustdar meint, dass diese Definition deswegen faszinierend sei, weil sie genau der Situation entspreche, in der wir heute leben – denn Beispiele verteilter Systeme seien überall zu finden: „Alles, was wir in der Natur sehen, ist verteilt und dezentralisiert, aber in einer magischen Weise auf vielen verschiedenen Ebenen verbunden“, sagt Dustdar. „Sogar unser Körper ist ein solches Phänomen: Das gesamte autonome Nervensystem ist verteilt.“

Dustdar konzentriert sich jedoch nicht auf den menschlichen Körper, sondern auf die Forschung im Bereich Informationssystemtechnik und ist an der Schaffung intelligenter Infrastrukturen interessiert. „Wir wollen keine dummen Systeme, die man als ‚künstliche Intelligenz‘ bezeichnet“, meint er. Bei der künstlichen Intelligenz (KI) stellen sich unter anderem Fragen wie jene, ob Maschinen lernen können oder welche Lern- bzw. Inferenzmechanismen es in Bezug auf Korrelation und Kausalität gibt. In der Welt der Systeme müssen die Forscher*innen jedoch tiefergehende Fragen beantworten, weil sie sich mit Ökosystemen beschäftigen, die auf verschiedenen Ebenen miteinander verbunden sind – von sehr kleinen IoT-Geräten bis hin zu sehr großen Systemen wie Cloud Computing. Dies nennt man das Computing-Kontinuum. „Meine Forschung befasst sich mit dieser gesamten Infrastruktur. Wie können wir ein intelligentes Gefüge schaffen, also intelligente Mechanismen, die in die Infrastruktur selbst integriert werden? Das ist etwas, das wir derzeit nicht haben“, sagt Dustdar.

Schahram Dustdar
studierte Wirtschafts­informatik an der JKU Linz und habilitierte sich in Informatik an der TU Wien. Der Forscher ist u. a. Mitbegründer diverser Start-ups und Chefredakteur einiger Fachzeitschriften. Der­zeit ist er Professor für Informatik an der TU Wien und leitet die Distributed Systems Group.

Um diese Systeme widerstandsfähiger zu machen, sind zwei Prinzipien erforderlich: Elastizität und Osmose. Elastizität ist die Eigenschaft, die es Materialien ermöglicht, ihre Form zu verändern, wenn man Kraft auf sie ausübt. „In ähnlicher Weise möchte ich Systeme entwerfen, die in der Lage sind, ihre Struktur und ihr Verhalten zu ändern. Wir sprechen zwar von Software, aber sie sollte dennoch in der Lage sein, die Menge der verwendeten Ressourcen zu verändern. Sie sollte sich, ähnlich wie die Neuroplastizität, an die jeweiligen Spezifikationen anpassen können, die man eingibt“, sagt der Forscher.

Osmose wiederum ist die Bezeichnung für die Bewegung von Molekülen aus Lösungen mit höherer Konzentration in Lösungen mit niedrigerer Konzentration. Beim Osmotic Computing geht es darum, Microservices je nach Bedarf zwischen Edge-Computern und Cloud-Computern zu verschieben. Dustdar: „Ich bin der Meinung, dass dies nicht etwas sein sollte, womit sich die Applikationsdesigner*innen unbedingt beschäftigen müssen. Wir wollen, dass die Infrastruktur selbst entscheidet, wo die Software eingesetzt
und ausgeführt wird.“

Mit der zunehmenden Komplexität der Welt entstand also die Notwendigkeit, Systeme zu schaffen, die von Natur aus verteilt sind. Dieser Trend setzt sich fort: „Derzeit bewegen wir uns vollständig in Richtung der Verteilung und Dezentralisierung mit Milliarden von verschiedenen Geräten, darunter auch unsere Smart­phones und Laptops“, so Dustdar. Da die Welt immer komplexer wird, entsteht die Notwendigkeit, Strukturen zu schaffen, die von Natur aus verteilt und dezentralisiert sind. Zu diesem Zweck arbeitet Schahram Dustdar, Leiter der Distributed Systems Group an der TU Wien, an der Entwicklung intelligenter Infrastrukturen und versucht, die Effizienz zu nutzen, die durch die Gewährung von mehr Autonomie auf verschiedenen Ebenen einer Infrastruktur entsteht.