Wieland Kloimstein (M. R.), Eva Kelety (B. E.)

REFORM: DRINGEND NOTWENDIG

„Wissenschaftliche Exzellenz entwickeln und umfassende Kompetenz vermitteln“ heißt es im Leitbild der TU Wien. Dass eine Universität Exzellenz anstrebt, ist wenig überraschend. Aber was bedeutet Exzellenz eigentlich? Und ist das Streben nach Exzellenz ausschließlich positiv?

Text: tuw.media-Redaktion Foto: Wieland Kloimstein (M. R.), Eva Kelety (B. E.)

Wie die meisten Tugenden ist Exzellenz schwer zu messen, zu definieren und zu operationalisieren. Diese Fragen wurden im wissenschaftlichen Umfeld immer wieder diskutiert, beispielsweise mit dem Fokus, inwiefern quantitative vermeintliche Exzellenz­indikatoren Ungleichheiten verstärken – etwa zwischen den Geschlechtern. So heißt es im vom Bundes­ministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung herausgegebenen Praxisleitfaden für Integrität und Ethik in der Wissenschaft: „Obwohl nach außen wissenschaftliche Exzellenz als Entscheidungskriterium propagiert wird, können bestimmte Verzerrungen in Evaluations­praktiken zur Benach­teiligung von Frauen und anderen Gruppen in Wis­senschaft und Forschung führen.“

Wo Exzellenz gemessen wird, wird Forschung ­bewertet. Das hat Auswirkungen darauf, welche ­Forscher*innen einen bestimmten Job oder Forschungspreis erhalten, welche Forschungsideen ­finanziert, welche Forschungseinrichtungen unterstützt werden. Dieses von Menschen gemachte System kann zu übermäßigem Wettbewerb, Konkurrenz­denken und Ellbogentaktik führen und hat weitreichende, oft unerwartete negative Auswirkungen auf das Forschungsklima, die Kultur an der Universität und somit auf das Leben von Forscher*innen. Wenn sich dieses System negativ auf die Einstellung von Wissenschaftler*innen und die Attraktivität einer Universität als Arbeitgeberin auswirkt – ist es dann nicht längst an der Zeit, etwas anderes zu überlegen?

Rankings wiederum haben einen Einfluss auf die Universitäten selbst: Sie orientieren sich an diesen und richten ihre weiteren Aktivitäten so aus, dass sie sich möglichst günstig auf das nächste Ranking auswirken. Diese Haltung ist innerhalb dieses Systems zwar rational nachvollziehbar, aber sie hat wieder Auswirkungen darauf, wer sich bewirbt – als Studierende*r, Professor*in, Mitarbeiter*in … Ist das noch exzellent? Oder sollten wir nicht vielmehr das System verändern, um umfassendere Perspektiven zu inkludieren?

Auf europäischer Ebene gibt es derzeit ernsthafte Bemühungen, dieses sich selbst perpetuierende System umzugestalten. Im Science-Europe-Dokument „Agreement on Reforming Research Assessment“ rückt die Relevanz einer qualitativen Beurteilung insbesondere durch Peer-Reviewer*innen in den Vordergrund – unterstützt durch einen verantwortungs­vollen Einsatz quantitativer Indikatoren. Man hofft, dass dadurch zumindest die extremsten der beschriebenen Phänomene abgeschwächt werden können. Bislang haben weltweit 360 Forschungsorganisationen das selbstverpflichtende Dokument unterschrieben. Sie beschreiten damit dieselbe Richtung: Gemeinsam wollen sie die Bewertungspraxis von Forschung, Forschenden und Forschungsorganisationen mit dem übergeordneten Ziel verändern, die Qualität und den Impact von Forschung zu erhöhen. Mit der Unterschrift verpflichten sich die Organisationen unter anderem dazu, regelmäßig über ihren Fortschritt Bericht zu erstatten.

Wie werden zukünftige Bewertungssysteme aus­sehen, wie wirken sie sich aus, und was bedeutet das für die Zukunft des guten akademischen Lebens? Dieses Thema betrifft uns alle, unser aller Wohlbefinden in der akademischen Community. Wir sind begeistert, diese Entwicklung so nah mitzuerleben – als Beobachtende und Mitwirkende unter dem Motto „the fuTUre of academic life“.

Text: Marjo Rauhala und Bettina Enzenhofer