Gianmaria Gava

FRANZ ANTON GERSTNER

Es ist erstaunlich, dass Literatur und Film das kurze, intensive Leben von Franz Anton von Gerstner bis heute nicht als Vorlage für einen Roman oder eine Serie verwendet haben. Seine Vita enthält viele Facetten, die das beginnende 19. Jahrhundert charakterisieren, und zwar jenseits von Romantik und Biedermeier: Gerstner war Wissenschaftler, Professor, Schriftsteller und Unternehmer in Personalunion. Die Stationen seines Lebens mit den Eckpunkten Prag, Wien, St. Petersburg, New York und Philadelphia bezeugen Gerstners außergewöhnliche Mobilität, die aber auch mit einem Raubbau an der eigenen Gesundheit verbunden war.

Text: tuw.media-Redaktion Foto: Gianmaria Gava

Der Artikel erschien in der Ausgabe 1–21 „Mobilität“.

In Gerstners Fall waren die Startvoraussetzungen günstig und prägend für seine spätere Karriere: Als Sohn von Franz Josef von Gerstner, Mitbegründer und erster Direktor (1806) des Böhmischen Ständischen Polytechnischen Instituts in Prag, genoss er ebenda eine ausgezeichnete Ausbildung. 1817 übersiedelte er dann nach Wien, aber nicht, um hier weiterzustudieren: Der 21-jährige Gerstner erhielt die Position eines Supplenten (also eines Ersatzvortragenden) für praktische Geometrie und Landvermessung am 1815 neu eingerichteten k. k. Polytechnischen Institut (PI). Sein Vorlesungsskriptum ging bereits im darauf­folgenden Jahr in Druck, 1819 wurde er schließlich zum Professor berufen. Er bleibt bis heute der jüngste in dieser Funktion in der Geschichte der TU Wien.

In Wien beschäftigte Gerstner sich nicht nur mit der Lehre, die unter anderem aus aufwendigen geodätischen Übungen in den Wiener Vorstädten bestand: Seine Aktivitäten kreisten sehr bald um das Thema Eisenbahn, die zentrale technische Innovation des beginnenden 19. Jahrhunderts. England war der zentrale Schauplatz dieser ersten Phase der Entwicklung im Schienenverkehr, gerade auch, was den Übergang von Pferde- auf Dampfbetrieb betraf: 1804 konstruierte ­Richard Trevithick die erste Dampflokomotive, 1825 war die Linie Stockton–Darlington die erste nur mit Dampf betriebene Strecke der Welt.

Dreimal reiste Gerstner in den 1820er-Jahren dorthin, um die neuesten Entwicklungen in Augenschein zu nehmen. 1822 meldete er sich nicht einmal bei der Direktion des PI ab, als er sich in England über die neuesten Innovationen auf dem Eisenbahn­sektor informieren wollte – das brachte ihm eine Rüge seitens der Direktion ein, weil der Unterricht ohne Supplierung entfallen war. Doch nur wenige Tage nach seiner Rückkehr aus England reichte Gerstner ein ­Ansuchen auf ein „Privileg“ (heute Patent genannt) zur Verbesserung der Eisenbahn ein. Der Text dieses Ansuchens stellt ein wesentliches Gründungs­dokument des österreichischen Eisenbahnwesens dar und ist auch insofern sehr interessant, weil englische Fachbegriffe wie „locomotive steam engine“, „railway“ oder „conveyance of goods“ in den deutschen Text integriert sind.

Paulus Ebner
ist Historiker und leitet seit 2016 das Archiv der TU Wien.

1824 erhielt Gerstner endlich das kaiserliche Privileg, die Eisenbahnstrecke zwischen „Mauthausen und Budweis“ zu planen, zu errichten und zu betreiben. Der inzwischen 28-Jährige legte seine Professur am PI zurück, um sich ganz der Praxis zu widmen. Die Bauleitung, das finanzielle Risiko und eine Vielzahl von Problemen führten zu Überarbeitung und ernsthaften gesundheitlichen Problemen. 1829 wurde der Vertrag mit Gerstner gelöst, es gab unter anderem Unstimmigkeiten bei der Trassierung. Die von Gerstner favorisierte spätere Umrüstung von Pferde- auf Dampfbetrieb, die er in England studiert hatte, wurde nämlich ausgeschlossen.

Nach diesem Rückschlag nahm er eine Anstellung in Russland an, wo die erste Eisenbahn­strecke des Landes von Zarskoje Selo nach St. Petersburg nach seinen Plänen entstand (Fertigstellung 1836, durchgehender Dampfbetrieb ab 1838). Doch da war Gerstner im Auftrag des Zarenhofs schon in die USA gereist, um das rasch wachsende amerikanische Eisenbahnnetz zu studieren. In kurzer Zeit bereiste er die Ostküste und den Süden der USA (von Boston bis New Orleans) und starb schließlich knapp nach der Geburt seiner Tochter im April 1840 in Philadelphia.

Text: Paulus Ebner