Martin Schoeller / Forbes US

ELON IM WELTALL

Musks Sehnsucht nach dem Mars. Um satte fünf Millionen Prozent müssten die Kosten für einen Marsflug laut Elon Musk sinken, um das Projekt realistisch werden zu lassen. Doch sowohl Zeitplan als auch Finanzierung sind unklar.

Text: Klaus Fiala Foto: Martin Schoeller / Forbes US

Der Artikel erschien in der Ausgabe 1–21 „Mobilität“.

Die Erde ist so gut wie erkundet. In wenigen Stunden Flugzeit kann man fast jeden Winkel unseres Planeten erreichen, unberührte, unerforschte Winkel finden sich kaum noch. Einzig in die Tiefe könnte man noch gehen, um Unergründetes zu finden – oder eben nach oben. Seit fünf Jahrzehnten zehrt unsere Spezies nun schon von der Mond­landung; seit einigen Jahren gilt es jedoch, ein neues Ziel zu erreichen. Denn der vierte ­Planet im Sonnensystem (gemessen am Abstand zur Sonne) wird immer wieder als nächste Heimat für die Menschen genannt: der Mars.

Der prominenteste ­Unterstützer dieses Vorhabens ist Elon Musk, Gründer von Tesla und Space X. Wer über die ­Kolonialisierung des Mars spricht, kommt am Südafrikaner nicht vorbei. In einem Whitepaper mit dem Titel „Making Humans a Multiplanetary Species“ legt er dar, wie die Besiedelung des rotbraunen Planeten vonstattengehen könnte. Seit Längerem hat sich der Mars als erste Option in Sachen bewohnbare Planeten (abseits der Erde) herauskristallisiert. Es gibt gewisse Ähnlichkeiten, die für eine Besiedelung günstig erscheinen: So dauert der Marstag „Sol“ rund 24 Stunden und 39 Minuten. Die Oberfläche des Mars beträgt rund 28 % von jener der Erde – die Landflächen der Erde bedecken 29 % des Planeten. Zudem besitzt der Mars eine Atmosphäre, die zwar deutlich dünner als die der Erde ist, aber dennoch einen gewissen Schutz vor Sonnen- und kosmischer Strahlung bietet. Und, am allerwichtigsten: Jüngste ­Nasa-Missionen bestätigten, dass auf dem Mars Wassereis existiert.

Trotz aller Gemeinsamkeiten wird das Ganze aber eine große Herausforderung. Dabei ist das Um und Auf eines erfolgreichen Transports zum Mars laut Musk Kostenreduktion. Musk denkt, dass die Kosten für eine Marsreise unter 500.000 US-$ und irgendwann vielleicht sogar unter 100.000 US-$ fallen könnten. Das wäre eine Reduktion um ein Vielfaches – der Curiosity Rover der Nasa, der den Mars 2015 befuhr, kostete 2,5 Milliarden US-$; Menschen dorthin zu transportieren wäre deutlich teurer, manche Schätzungen gehen aktuell von rund zehn Milliarden US-$ aus.

Musk sieht das alles überraschend locker – Zitat (bewusst im englischen Original gehalten): „It is a bit tricky because we have to figure out how to improve the cost of trips to Mars by five million percent.“ Sein Rezept: Raketen, die nicht nur einmal genutzt werden, sondern vollständig wiederverwendbar sind. Das würde die Entwicklungskosten auf mehrere Flüge aufteilen. Musk zieht Parallelen zu anderen Fortbewegungsmitteln – wenn Fahrräder, Autos oder Pferde nur einmal verwendet werden ­könnten, würde sie niemand nutzen, weil es schlicht zu teuer wäre. Heute gebe es, so Musk weiter, 90 Millionen US-$ teure Flugzeuge, in denen ein Ticket von Los Angeles nach Las Vegas für 43 US-$ zu haben sei. Die einmalige Verwendung des Flugzeugs würde den Preis auf 500.000 US-$ nach oben schnellen lassen.

It’s a bit tricky, because we have to figure out how to improve the cost of trips to Mars by
five million percent.

Elon Musk, Gründer Tesla & SpaceX

Einem etwas anderen Ansatz folgt der „Mars to stay“-Vorschlag. Demnach sollen Menschen, die zum Mars fliegen, dort für eine längere Zeit bleiben, um die ­Kosten der zahlreichen Flüge zu reduzieren. Der Astronaut Buzz Aldrin, der als Teil der Apollo-Mission der zweite Mensch war, der den Mond betrat, ist einer der prominentesten Unterstützer der Initiative. Unter dem Motto „Vergesst den Mond! Auf zum Mars!“ spricht er sich seit fast 30 Jahren für diese Variante aus. Demnach könnte eine Gruppe von 30 Siedlerinnen und Siedlern – vorerst nur Astronauten, später auch Zivilisten – mit einem Alter von etwa 30 Jahren zum Mars geschickt werden. Mit 65 Jahren hätten sie dann, nach Aufbau einer funktionierenden Siedlung, nicht nur die Möglichkeit, eine zweite Generation an Siedlerinnen und Siedlern einzuschulen, sondern könnten auch entscheiden, ob sie auf dem Planeten bleiben wollen oder zur Erde zurückkehren.

Neben der schon angesprochenen Kostenreduktion müssten laut Elon Musk noch weitere Bedingungen erfüllt sein, um Marsflüge wirtschaftlich machbar zu gestalten. Die Raumschiffe müssten nämlich nicht nur wiederverwendbar sein, sondern auch im Erdorbit betankt werden können. Denn der Start einer Rakete wäre – auch aufgrund der Treibstoffkosten – zu teuer. Zudem müsste man in der neuen Heimat Treibstoff produzieren können, damit auch die Rückreise klappt. Da Erde und Mars nur alle 500 Tage so angeordnet sind, dass der kürzeste Weg zum Mars von der Erde offen ist, ergeben sich erst 2022 und 2024 wieder Möglichkeiten zur Abreise.

Auch Amazon-Gründer Jeff Bezos will mit seinem Unternehmen Blue Origin Raketen bauen, mit deren Hilfe das Weltall erkundet werden soll. „Die Vision für Blue Origin ist ziemlich einfach: Wir wollen, dass Millionen von Menschen im Weltraum arbeiten und leben. Das wird noch eine Zeit lang dauern – aber es ist ein erstrebenswertes Ziel“, sagte Bezos bei einer Pressekonferenz. Laut Expertinnen und Experten sind alle Pläne zur Besiedelung des Mars aktuell noch mehr Vision als Realität. Dazu gehört ­auch Wolfgang Baumjohann, Leiter des Instituts für Weltraumforschung in Graz. Der Forscher ist Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der Deutschen Nationalen ­Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der International Academy of Astronautics, Fellow der American Geophysical Union und Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse. Nebenbei wurde er 2010 und 2015 zum Wissenschaftler des Jahres in Österreich gewählt. Kurzum: Der Mann weiß, wovon er spricht.

Elon Musk
wurde 1971 in Pretoria (Südafrika) geboren. Er war an der Gründung der Unternehmen Zip 2, Paypal, Space X, Neuralink und Tesla beteiligt. Für seine oft auf Twitter preisgegebenen Meinungen und Ansichten wurde er teils heftig kritisiert.

Baumjohann sieht wenig Chancen, dass Musks Pläne sich bald in die Tat umsetzen lassen: „Dass Menschen in den nächsten 20 Jahren auf den Mars übersiedeln, wird definitiv nicht passieren. Eine Mars­kolonie ist in diesem Jahrhundert wohl nicht darstellbar. Dabei ist der Flug zum Mars weniger ein technisches als ein finanzielles ­Problem. Die erste Mondlandung kostete rund 100 Milliarden US-$, damals hat John F. Kennedy das Projekt bezahlt. Die erste Marslandung wird aber eher 400 bis 500 Milliarden US-$ kosten. Dieses Geld wird derzeit nicht bereitgestellt.“

Hinzu kommt, dass neben allen Gemeinsamkeiten auch zahlreiche Unterschiede zwischen Erde und Mars bestehen: Der Luftdruck liegt bei unter einem Prozent von jenem auf der Erde – Menschen können aus heutiger Sicht nicht ohne Druckanzüge auf dem Mars leben. Die unterschiedliche Stärke der planetaren Magnetfelder könnte ­zudem zu einem Ausbruch von bisher schlafenden Vulkanen führen. Die Durchschnittstemperatur liegt bei minus 60 Grad Celsius – statt der angenehmen 15 Grad Celsius auf der Erde.

Doch auch dafür gibt es bereits Ideen. So verfolgt die Strategie des Terraforming den Ansatz, den Mars in einen natürlichen Lebensraum für den Menschen zu verwandeln. Nach Abschluss des Vorgangs sollen Menschen nicht nur ohne Druckanzug, sondern auch ohne Atemgerät auf dem Mars unterwegs sein können. Wie lange ein solcher Prozess dauern, wie sehr er ins möglicherweise bestehende Ökosystem des Mars eingreifen und wie sich das Ganze auf die Stabilität der Bedingungen auf dem Planeten auswirken würde, ist jedoch hochgradig unklar.

Doch auch Baum­johann denkt, dass wir früher oder später eine neue Heimat haben könnten: „Dieser Wunsch ist kulturell in uns Menschen verankert. Der Mensch will dahin, wo er hinkommen kann. Ich denke, wir werden früher oder später zum Mars fliegen. Und vielleicht ist es ja schon 2050 oder 2060 so weit.“