Marian Kogler

AUF DER SUCHE NACH DER JUGEND

Wo sind die jungen Köpfe in der Wissenschaft? Sind sie nur un­sicht­bar? Oder gibt es sie überhaupt nicht? Wir haben uns umgehört, welche Hürden es für Nach­wuchs­forscher*innen gibt – und starten mit „tuw.under30“ eine Plattform, die ihnen mehr Sichtbarkeit er­möglichen soll.

Text: Sophie Spiegelberger Foto: Marian Kogler

Der Artikel erschien in der Ausgabe 1–21 „Mobilität“.

In der Privatwirtschaft ist schon lange offensichtlich, dass junge Menschen die Welt verändern können: Steve Jobs war erst 21 Jahre alt, als er zusammen mit Steve Wozniak (zu der Zeit auch erst 26 Jahre alt) und Ron Wayne das Technologieunternehmen Apple gründete, Jeff Bezos war bei der Gründung des Versandhändlers Amazon 30 Jahre alt, die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin starteten die Suchmaschine im Alter von 25 Jahren; Mark Zuckerberg launchte Facebook im Alter von 20 Jahren. Nach dem Aufstieg des Internets stieg die Bedeutung von Technologie – junge Menschen hatten also einen Vorteil gegenüber ihren älteren Konkurrent*innen.

In der Wissenschaft scheint der Trend jedoch umgekehrt. Zwar ist es ein umstrittenes Thema, wann Forscher*innen ihre beste Arbeit abliefern – der Mathematiker G. H. Hardy bezeichnete seine Disziplin 1945 als „young man’s game“ und die Physiker Werner Heisenberg und Paul Dirac wurden (unabhängig voneinander) im Alter von nur 31 Jahren mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Doch in den letzten 100 Jahren ist das Durchschnittsalter der Nobelpreisträger*innen in den Disziplinen Physik, Chemie und Medizin um 20 Jahre gestiegen; zuletzt lag das Durchschnittsalter bei 68 Jahren, der älteste Preisträger war stolze 89 Jahre alt. Woran liegt das?

„Die Forschung ist in den letzten ­Jahren wesentlich komplexer und damit auch kostenintensiver geworden“, so Christof Gattringer, seit Februar 2021 Präsident des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung). Der österreichische Teilchenphysiker ist seit 2019 als Vizerektor für Forschung und Nachwuchsförderung an der Universität Graz tätig. „Die Ära von Heisenberg und Dirac war eine Zeit, in der sich die Quantenmechanik rasant entwickelt hat, wo junge Köpfe sehr schnell neue Felder erobern konnten. Das war quasi ein Spezialfall. Die Forschung ist aber komplexer geworden, denn wenn wir uns den heutigen Wissensstand anschauen, ist das ein Vielfaches davon, was wir vor 80, 90 Jahren wussten. Das gilt für die Physik, aber genauso für alle anderen Wissenschaften“, so Gattringer. Forscher*innen brauchen also länger, um in einem Feld Vorreiter*innen zu werden, da sie sich deutlich mehr Vorwissen aneignen müssen. Gleichzeitig kommt es aber auf die Art der Forschung an: Während man bei theoretischen Disziplinen wie der Mathematik nur ein Blatt Papier und einen Bleistift braucht, gehe es laut Gattringer in der experimentellen Forschung anders zu. Hier brauche es oft mehrere Jahre Vorbereitung sowie teurere Ausrüstung. „Das führt automatisch dazu, dass Forscher, die solche Experimente ausführen, tendenziell älter sind. Bis sie dann vielleicht einen Preis bekommen, vergehen noch mal einige Jahre“, erklärt Gattringer. Denn komplexe Forschungsgegenstände und teures Equipment seien auch eine Geld­frage. „Finanzierung und Drittmittel sind immer knapp“, so Gattringer. „Um zu den führenden Forschungsnationen aufzuschließen, müsste Österreich laut zahlreichen unabhängigen Studien, wie zum Beispiel von der OECD, wesentlich mehr Mittel in die wettbewerbsgetriebene Grundlagenforschung investieren, keine Frage.“ So wurde im Februar 2021 bekannt, dass der FWF aufgrund des Ausfalls der österreichischen Nationalstiftung drei Förderprogramme aussetzen muss. Bis dahin hatte die Stiftung jährlich insgesamt 140 Millionen € für Forschung, Technologie und Entwicklung ausgegeben, davon bekam der FWF jährlich 25 Millionen €. Betroffen waren vor allem Nachwuchsforscher*innen: „Wir haben im FWF das ,doc.funds‘-Programm bisher aus den Mitteln der Nationalstiftung finanziert und können dieses Angebot für Doktorandinnen und Doktoranden derzeit leider nicht ausschreiben, da uns die finanziellen Mittel fehlen. Es ist ein signifikantes Problem in Österreich, dass wir derzeit für eine so wichtige Schiene keine Finanzierungsmöglichkeit haben“, so Gattringer.

DAS PARADOX IN DER FORSCHUNG IST, DASSMAN DAUERHAFT AN DEMSELBEN PROBLEM ARBEITEN KANN –MAN KANN ABER NICHT DAUERHAFT AN EINER ARBEITSSTELLE BLEIBEN.

Marian Kogler, Gründer, Syret GmbH

Weg vom Einzelkämpfertum

Vor welchen Hürden stehen junge Menschen, die gerne in die Forschung gehen würden, im Detail? In seiner Funktion als Vizerektor für Forschung und Nachwuchsförderung hat Gattringer vor allem darum gekämpft, in der Dissertationsphase „vom Einzelkämpfertum wegzukommen“, so der Physiker. Hier Gruppen zu bilden, die sich in dieser herausfordernden Zeit gegenseitig unterstützen, sei ein wichtiger Erfolgsfaktor. Der Schlüsselmoment kommt laut Gattringer aber erst nach dem Abschluss eines Doktoratsstudiums. Denn das ist jene Phase, in der man sich für oder gegen eine akademische Laufbahn entscheidet: „Zu dem Zeitpunkt muss man normalerweise seine ersten eigenständigen Ideen bringen und die ersten Artikel publizieren, bei denen man Leitautor ist, also selbst die Konzeptfindung vorangetrieben hat. Wenn einem das in der Postdoc-Phase nicht gelingt, ist man nicht berufungsfähig“, erklärt Gattringer. Daher ist genau diese Phase kritisch, wenn man den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern will. Denn im Alter zwischen ungefähr 27 und 38 Jahren sind die guten Ideen schon da, man habe aber noch viel Zeit für die Forschung – da man noch nicht mit Konferenzen oder Lehrstühlen ausgelastet ist. Andererseits sei das gleichzeitig auch eine vulnerable Phase, da oft keine Fixanstellung vorhanden ist. Das wird noch von der Tatsache erschwert, dass genau in diesem Alter Familien gegründet werden: „Bei jeder Postdoc-Stelle, die ich angenommen habe, habe ich gleich auch geschaut, welche Kindergärten es in der Nähe gibt“, so Gattringer.

Wie kann man also junge Forscher*innen unterstützen und wissenschaftlichen Nachwuchs fördern? Hier spielen laut Gattringer mehrere Faktoren eine Rolle. Erstens gute Beratung – denn bis zum Abschluss des PhDs sei die Arbeit immer betreut, die Themen der Doktorarbeiten seien fast immer vorgegeben und man habe stets Unterstützung; im Postdoc-Bereich sei das anders. Daher wäre es wichtig, ein Mentoringsystem zu schaffen, das jungen Forscher*innen bei strategischen Fragen helfen könne. Der zweite Faktor ist die finanzielle Sicherheit. Gattringer: „Wenn ich meinen eigenen Lebenslauf ansehe, finde ich zwei Jahre in Vancouver, zwei Jahre am MIT, fünf Jahre in Regensburg. Das Leben als Forscher ist natürlich spannend, man muss dafür aber auch in Kauf nehmen, von einem befristeten Vertrag zum anderen zu laufen, und das ist, vor allem mit einer Familie, nicht einfach.“

Wirtschaft statt Wissenschaft

Zwei junge Forscher*innen, die die Chance auf eine wissenschaftliche ­Karriere hatten und sich dann doch für die Privatwirtschaft entschieden haben, sind die beiden TU-Absolvent*innen und Forbes-„Under 30“-Listmaker Nermina Mumic und Marian Kogler. Mumic studierte das Bachelorstudium Technische Mathematik sowie das Masterstudium Wirtschaftsmathematik und Statistik und forschte anschließend im Rahmen einer Doktorarbeit zum Thema Betrugserkennung mittels maschinellen Lernens. Aus dem ersten Teil ihrer Dissertation wurde schnell die Idee für ein Start-up: „Wir entschieden uns, direkt zu gründen, weil die Nachfrage am Markt da war“, so Mumic. Somit ging die Mathematikerin in die Privatwirtschaft – nicht aufgrund einer fehlenden Leidenschaft für die akademische Welt, sondern um diese Chance am Markt zu nutzen. Mumic fühlt sich in beiden Welten wohl und würde gerne irgendwann auch in die Forschung zurückkehren: „Mein Eindruck war, dass es genug junge Leute gibt, die forschen wollen. Es ist aber stets eine Frage der finanziellen Mittel – also ob es genug Finanzierung für die jeweiligen Positionen gibt“, so Mumic.

Christof Gattringer
ist ein öster­reichischer Teilchenphysiker. Seit 2019 ist er Vizerektor für Forschung und Nachwuchsförderung an der Universität Graz und seit 2021 Präsident des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF.

Nermina Mumic
studierte Mathematik an der TU Wien und gründete während der Erstellung ihrer Doktorarbeit das Spin-off Legitary, das eine Software zur Erkennung von Betrug im Musikstreaming anbietet.

Marian Kogler
war mit 17 der jüngste Diplomingenieur Österreichs. Heute ist er Geschäftsführer des von ihm gegründeten Beratungsunternehmens für IT-Sicherheit Syret GmbH.

Von der Uni ins Start-up

Marian Kogler entschied sich indes aus anderen Gründen dazu, aus der Wissenschaft in die Wirtschaft zu gehen. Der Informatiker ist erst 29 Jahre alt, doch seine akademische Karriere begann schon vor zehn Jahren – Kogler wurde 2009 mit nur 17 Jahren zum jüngsten Diplomingenieur Österreichs. Daraufhin bekam er eine Lehrstelle an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in Deutschland, wo er sechs Jahre am Lehrstuhl für Theoretische Informatik forschte und unterrichtete.„Natürlich ist es etwas gewöhnungsbedürftig, wenn die eigenen Studenten älter sind als man selbst“, erinnert sich Kogler. Doch 2016 ging es für ihn in die Privatwirtschaft: „Ich wollte mich in einem neuen Bereich umsehen, doch die theoretische Informatik interessiert in der Privatwirtschaft niemanden. Das ist eher ein Forschungsfeld; somit bin ich Richtung IT-Sicherheit gegangen.“ Er war erst zwei Jahre als Angestellter in einem Unternehmen tätig, bevor er 2018 schließlich die Syret GmbH gründete, ein Unternehmen, das sich auf Cyber­security spezialisiert hat. Jobsicherheit und Selbstbestimmung waren für den Schritt aus­schlaggebend, so Kogler: „Ich wollte keine befristete Stelle mehr haben, das muss ich so deutlich sagen. Das Paradox in der Forschung ist, dass man dauerhaft an demselben Problem arbeiten kann – man kann aber nicht dauerhaft an einer Arbeitsstelle bleiben“, so Kogler. Er gibt zu, dass man als Unternehmer*in von den Wünschen der Kund*innen sowie von Wirtschaftstrends abhängig ist. Doch in der Gestaltung der eigenen Arbeit habe man in der Privatwirtschaft oft so viele Freiheiten, wie sie an Universitäten nicht einmal Professor*innen vorfinden: „Ich finde es attraktiv, dass ich meinen Tag genau so strukturieren kann, wie ich es möchte“, sagt der Informatiker.

Es zeigt sich also, dass die Nachwuchstalente durchaus da sind, die Bedingungen aber leider oft zu wenig attraktiv. Da es aber einerseits genug Forscher*innen gibt, die uns das Gegenteil beweisen, und wir andererseits Sichtbarkeit für alle Lebenswege von Menschen im Wissenschaftsbetrieb bieten wollen, starten wir eine neue Plattform: Mit den „tuw.under 30“ zeigen wir TU-Student*innen, TU-Forscher*innen, TU-Mitarbeiter*innen und TU-Absolvent*innen unter 30 Jahren, die schon auf sich aufmerksam ­gemacht haben, dies gerade machen oder noch machen werden. Angelehnt an die Forbes-„Under 30“-Kampagne werden wir über ein Nominierungs­system und mithilfe einer hochkarätigen Jury 30 spannende Menschen zeigen, die in der Wissenschaft geblieben, in der Wirtschaft gelandet sind oder einen ganz anderen Weg eingeschlagen haben – in der Hoffnung, dass wir den einen oder die andere Nobelpreisträger*in entdecken, noch bevor der große Ruhm kommt. Und vielleicht hilft die Initiative ja, den Jungen in der Wissenschaft mehr Sichtbarkeit zu bieten.